Kämpferisches Küchengespräch – Interview mit dem Schwäbischen Tagblatt

Wenn Frauen für den Weltfrauentag ein Veranstaltungsformat namens „Kitchen talk“ (Küchengespräch) wählen, dann kann das eigentlich nur ironisch gemeint sein. So war das auch gemeint von den Verantwortlichen des Vereins „Görls“, die ihren Beitrag einen Tag nach dem Weltfrauentag nachlieferten, um der großen Veranstaltungs-Konkurrenz zu entgehen – dafür aber jede Menge Kommunalpolitikerinnen begrüßen konnten. Allen voran die Bundestagsabgeordneten Beate Müller-Gemmeke (Grüne) und Jessica Tatti (Linke).

50 Mädchen und 40 Frauen waren am Freitag ins Haus der Jugend gekommen, wo der Verein dienstags, donnerstags und freitags sein Café für 18 bis 27 Jahre alte Mädchen öffnet. Engagierte Reutlingerinnen aus dem Vorstand von „Görls“ berichteten über den Kampf der Frauen für Gleichberechtigung und Wahlrecht. Gut, wer dabei mal kurz daran dachte, dass in Deutschland heute eine Bundeskanzlerin regiert und in Reutlingen eine OB sowie eine Baubürgermeisterin an der Spitze der Stadt stehen, dem erschien die Schwarz-Weiß-Welt der tapferen Frauenrechtlerinnen im Kampf mit den üblen Patriarchen dieser Erde doch etwas farblos.

Aber ganz sicher haben Frauen lange genug um ihr Wahlrecht kämpfen müssen, was einige Mädchen auf pfiffige Art darstellten: Sie hielten Flaggen ihrer Herkunftsländer hoch, von Italien bis Eritrea oder Nigeria, von Russland bis Irak oder Palästina, und ließen die Kommunalpolitikerinnen erraten, in welcher zeitlichen Reihenfolge Frauen dieser Nationen erstmals an die Urnen durften. Die Mädchen, die ihre Ausbildung zu „Peerleaderinnen“ (Gruppenleiterinnen) machen, stellten auch prominente Aktivistinnen vor – von der Suffragette Muriell Matters, die 1909 in England aus einem Heißluftballon Wahlzettel über einer für Frauen gesperrten Abstimmungszone abgeworfen hat, bis zur Menschenrechtlerin Waris Dirie, die gegen weibliche Genitalverstümmelung kämpft.

Dann durften sich die Politikerinnen präsentieren. Müller-Gemmeke beschwor die Frauen-Solidarität und stellte eine Frauenquote für den Bundestag zur Diskussion – schließlich sind dort nur 31 Prozent der Abgeordneten weiblich. Tatti betonte die Bedeutung von Geschlechter-gemischten Landeslisten und machte den Mädchen klar: „Die Interessen von Frauen können nur von Frauen gut vertreten werden!“

Monika Barz, Professorin für Frauen- und Geschlechterfragen an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg und Vorkämpferin für das Tübinger Frauenhaus, berichtete von ihrem Weg zu einer lesbischen Partnerschaft. Sarah Burkhardt von der FDP wiederum machte klar, dass die Liberalen nicht so konservativ seien „wie wir immer rüberkommen.“ Und SPD-Stadträtin Silke Bayer wunderte sich, dass man ihr immer gleich ansehe, dass sie Lehrerin ist.

Den nachhaltigsten Eindruck hinterließ Grünen-Stadträtin Gabriele Janz mit einem ganz pragmatischen Unterstützungs-Vorschlag für „Görls“: Sie hoffe, dass die Frauen im Reutlinger Gemeinderat so aktiv werden, dass der Zuschuss für den rührigen Verein aufgestockt werde. Schließlich kann „Görls“, zu dessen Mädchencafé-Terminen in der Regel 40 bis 50 junge Frauen kommen, im nächsten Jahr 25. Geburtstag feiern.


Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*