Jessica Tattis Rede zum VVN-Gedenktag

25. November 2019  Soziale Bewegungen, Wahlkreis

Gedenkfeier der VVN-BdA Reutlingen für die Opfer des Nationalsozialismus und der braunen Gewaltherrschaft am Totensonntag, 25.November 2018, 10:00 Uhr, vor dem Mahnmal Friedhof Unter den Linden, Reutlingen. Hier der Redebeitrag der Bundestagsabgeordneten Jessica Tatti:

Liebe Freundinnen und Freunde, sehr geehrte Damen und Herren,

wir gedenken heute denen, die uns bis heute mahnen, wachsam zu bleiben. Es bedrückt mich, dass uns die Gegenwart auch dazu zwingt, mehr als ich es je für möglich gehalten hätte.

Eine Gegenwart, in der die AfD in Thüringen über 20 Prozent der Wählerstimmen mobilisieren kann – mit einem Spitzenkandidaten, der offen faschistische Positionen vertritt – bei dem niemand mehr behaupten kann, man wüsste nicht, wem man die Stimme gibt und in wessen Geiste er steht.

Im Bundestag hetzt die die AfD unermüdlich gegen Flüchtlinge und Muslime – und ihr unglaubwürdiger Kampf gegen Antisemitismus gilt nicht der Solidarität mit jüdischen Menschen, sondern einzig dem Hass gegen den Islam.

Aber weder geflüchtete oder muslimische Menschen sind es, die uns bedrohen, sondern der fahrlässige Sozialstaatsabbau der vergangenen Jahrzehnte. Die Bedrohung heißt Altersarmut, sie heißt Wohnungsnot und Niedriglöhne, ungerechte Verteilung der Vermögen, sie heißt Aufrüstung für Abermilliarden und sie heißt Rassismus. Das sind die Missstände gegen die wir eintreten müssen, die mit den Nährboden dafür bereitet haben, dass erneut eine rechtsradikale Partei in Deutschland Fuß fassen konnte.

Lasst uns aber auch dankbar dafür sein, dass über 85 Prozent der Wählerinnen und Wähler der AfD keine Stimme geben. Wir können laut und deutlich sagen: Wir sind mehr!

Bei einer Ausschussreise des Bundestages vor kurzem nach Warschau wurde mir einmal mehr vor Augen geführt wie sehr die Geschichte eine Rolle für unsere Gegenwart und für unsere Zukunft spielt und wie bedeutend es ist, sie zu kennen und vor allem eine Lehre aus ihr zu ziehen.

Warschau macht heute den Eindruck einer intakten, altehrwürdigen Stadt. Der Schein trügt, denn die alt erscheinenden Gebäude wurden mühsam wiederaufgebaut, nachdem Warschau 1944 auf Befehl Adolf Hitlers völlig zerstört wurde. Haus für Haus, bis nichts mehr von Warschau übrig war.

Die deutsche Wehrmacht eroberte Polen im September 1939, der II. Weltkrieg brach aus. Das Land wurde durch die Eroberer brutal terrorisiert. Die Polinnen und Polen wurden entrechtet, zur Zwangsarbeit gezwungen und deportiert.

Die polnische Heimatarmee, Armia Krajova, kämpfte gegen die Besatzer. Ende 43 bestand sie aus 350.000 Kämpferinnen und Kämpfern. Im Sommer 1944 erfolgte der Aufstand gegen die Wehrmacht. Die Rote Armee war vom Osten her auf dem Vormarsch und verhieß Befreiung für Warschau. Doch so lange wollten die polnischen Kämpfer nicht auf ihr Eintreffen warten. Sie entschieden sich, ihre Stadt und das Leben ihrer Einwohner zu verteidigen.

Sie stürmten am 1. August 44 um 17 Uhr die wichtigsten deutschen Stützpunkte in Warschau. Drei Tage später marschierte die polnische Heimatarmee durch die von ihr befreiten Viertel. Tausende Warschauer atmeten auf. Nur vorerst.

Denn viele strategische Ziele befanden sich weiterhin in der Hand der Deutschen. Die grausame Antwort auf den Aufstand erfolgte am 5. August. Warschau wurde auf Befehl Hitlers dem Erdboden gleich gemacht. Ohne Erbarmen wurden sowohl Männer und Frauen als auch Kranke, Kinder und Säuglinge getötet.

Die polnische Heimatarmee war militärisch unterlegen und kämpfte mit dem Mut der Verzweifelten, während die deutsche Luftwaffe begann Warschau zu bombardieren. Die letzte Hoffnung auf Rettung durch die Rote Armee zerschlug sich. Am 11. August begannen Wehrmacht und SS auch die Altstadt Warschaus anzugreifen, am 1. September war sie erobert, zehntausende Leichen säumten die Straßen. Gestorben durch Waffengewalt oder durch die gekappte Wasserversorgung verdurstet. Als sich der Befehlshaber der polnischen Heimatarmee nach 63 Tagen zur Kapitulation entschloss, waren 200.000 Menschen tot. In ganz Polen fielen sechs Millionen Menschen diesem Krieg zum Opfer. Welch unbeschreibliches Leid ging von dem Boden aus, auf dem wir stehen!

Viel früher, am 8. November 1939 verübte Georg Elser im Münchener Bürgerbräukeller einen verfehlten Anschlag auf Adolf Hitler und nahezu die gesamte NS-Spitze.

Lange Zeit war es selbst nach 1945 schwierig an ihn als Widerstandskämpfer zu erinnern. Genau das will ich heute tun. Ich will an Georg Elser erinnern, weil er viel früher als andere erkannte, worauf Hitlers Politik abzielte. Er brachte seine Ablehnung der NS-Ideologie auch öffentlich zum Ausdruck und verweigerte den Hitler-Gruß.

Darin sollte er uns Vorbild sein. Sich nicht zu ducken vor Menschenverachtung, sie nicht zu übersehen sondern ihr aktiv entgegenzutreten. Genau das ist auch heute der Auftrag von uns Antifaschistinnen und Antifaschisten – sei es in Parteien, Gewerkschaften, Kirchen, Verbänden und Vereinen oder sei es an jedem Einzelnen selbst.

Anfang 1944 eroberten alliierte Truppen erstmals deutschen Boden. Die Befreiung jährt sich zum 75. Mal. Schon bald werden restlos alle Täterinnen und Täter, Mitläuferinnen und Mitläufer, alle Heldinnen und Helden und alle Zeugen dieser Zeit nicht mehr am Leben sein. Umso wichtiger sind das Gedenken und unsere kollektive Erinnerung. Sie bieten uns Schutz vor Wiederholung. Denn der Tod von Körpern bedeutet nicht den Tod von Ideologie, von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Extremismus und Faschismus.

Gerade diejenigen, die sich heute der Redeweisen aus dem Nazismus bedienen, schwingen sich zu heuchlerischen Verteidigern der Meinungsfreiheit auf. Wer ihnen widerspricht, wird von ihnen zum Feind der Meinungsfreiheit erklärt. Die AfD hatte zu diesem Thema sogar eine Aktuelle Stunde im Bundestag beantragt und quasi den Niedergang der Meinungsfreiheit ausgerufen, weil man nicht mehr alles sagen dürfe. Was für ein Unsinn, liebe Freundinnen und Freunde.

Gerade durch die Meinungsfreiheit besteht kein Anspruch darauf, dass einem nicht widersprochen wird. Es ist das Gebot der Stunde, denen zu widersprechen, die erneut Hass und Zwietracht säen und Menschen zu Sündenböcken erklären.

Umso mehr macht es mich wütend, dass der VVN vergangenen Freitag durch die Finanzbehörden in Berlin ihre Gemeinnützigkeit aberkannt wurde. Einer Organisation, die sich dem Schwur von Buchenwald so authentisch wie keine andere verbunden fühlt, weil sich ihre Ursprünge bis in die Konzentrationslager und Zuchthäuser zurückverfolgen lassen. Als eingekerkerte Gegnerinnen und Gegner Adolf Hitlers Pläne schmiedeten – für ein von den Nazis befreites Deutschland.

Diejenigen von ihnen, die überlebten, gründeten kurz nach Ende des II. Weltkrieges die VVN.

Der VVN-BDA die Gemeinnützigkeit zu entziehen, bedeutet sie in ihrer Existenz anzutasten.

Dieses Mahnmal, vor dem wir uns heute versammeln, verdankt seine Entstehung der Reutlinger Kreisvereinigung der VVN, im weiteren Verlauf der VVN gemeinsam mit der Stadt Reutlingen.

Der VVN Linksextremismus vorzuwerfen verrät ihre Entstehungsgeschichte und fällt den antifaschistischen Kräften in unserem Land in den Rücken – und das in einer Zeit, in der sie so dringend gebraucht werden. In einer Zeit, in der der NSU ungehindert Menschen ermordete, in einer Zeit, in der Walter Lübcke von einem Rechtsextremisten getötet wurde und in der in Halle ein Anschlag auf eine Synagoge verübt wurde, bei dem zwei Menschen starben.

Ich halte die Entscheidung für geschichtsvergessen und für einen fatalen Fehler und werde deshalb in die VVN eintreten, um meine Solidarität zu bekunden.

Überall wo Menschen verachtet, unterdrückt und gedemütigt werden, muss unser Widerstand sowohl ungebrochen als auch ungeteilt bleiben. Nie wieder heißt auch nie wieder.


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